…oder wie mir langsam aber sicher Seebeine zu wachsen scheinen…
nach der Wartezeit bei Regen torkelte eines schönen Nachmittags ein Katamaran Namens Crystal blue Persuasion in die Bucht von Utila. Es ist ein 55 Fuß langes, 29 Fuß breites Schiff, das mich wie vereinbart abholt, um gemeinsam nach Panama zu segeln. Bald schon stellt sich heraus, dass die eine Frau und 6 Mann starke Crew, ein bunt zusammengewürfelter Haufen aus den USA, Kanada, Israel und Österreich gut miteinander kann; wir kochen, putzen und steuern alle gleichermaßen; und ich bekomme eine erste Einweisung in das Wesen der nautischen Navigation mittels Papierkarte – GPS gibt es zwar, wird aber auf diesem Schiff nur zur Positionskontrolle verwendet.
Auf dem Weg nach Roatan, Utilas Nachbarinsel, fahren wir hart am Wind bei geringer Wellenhöhe; Mein Magen kommt bei diesen Verhältnissen gut zurecht – kein Schwindel, keine Übelkeit, aber das sollte sich im Laufe der nächsten Tage doch noch ändern…
Fürs Erste bleibt das Vordeck trocken, und wir genießen die Fahrt…
Zunächst aber galt es auf Roatan den Hafenkapitän davon zu überzeugen, dass 40 Knoten Windstärke unserm Boot und der Mannschaft keinen Schaden zufügen können. Mit einem Wort, das Ausklarieren, wie es in der Schifffahrt heißt, gestaltet sich als äußerst schwierig, was einen mehrtägigen Aufenthalt zur Folge hat. Ich nutze die Zeit und lasse mir das Schiff und seine Bestandteile in englischer Sprache erklären, spiele Karten mit Ido aus Jerusalem, plaudere mit Otto aus den USA über seine Studentenjahre in Hamburg, und so vergeht Tag für Tag, bis wir endlich die Segel hissen können und mit Kurs SSO in die Dämmerung fahren. Vorbei an großen Kreuzfahrtschiffen durchschneiden wir mit unseren zwei Bügen die Wellenberge, die von Stunde zu Stunde größer werden. Um 21 Uhr beginnt meine Wache, zu der ich gemeinsam mit Bill aus Las Vegas eingeteilt bin. Ich sitze also am Steuerrad, und stiere ins schwarze Nichts der wolkenverhangenen Nacht, der Radarbildschirm schweigt dunkel, von Zeit zu Zeit kracht es am Bug und die Gischt fliegt meterhoch an uns vorbei ins Nirvana. Das Kielwasser, beleuchtet vom weißen Hecklicht, schäumt und sprudelt, und dann wieder ein harter Schlage gegen das Ruder; ich halte dagegen, um nicht vom Kurs abzukommen… So vergehen drei Stunden, wobei sich zwischenzeitlich die Wolkendecke lichtet und die von ihr verdeckten Sterne freigibt – ein wunderschönes Bild, mitten im Nichts. Alle halben Stunden liege ich auf dem Rücken und versuche meinem Magen gut zuzureden. Mir ist schwindlig und schlecht, das gibts doch nicht – ich habe doch eine Tablette genommen; was solls, da muß jede Landratte durch, sichtlich auch ich… Um Mitternacht werden wir abgelöst, doch der Versuch, mich in meiner Koje zu verkeilen scheitert – mein Magen macht nicht mit, und so suche ich einen geschützten Winkel an Deck und rolle mich zum Schlaf ein…
Damit das Schiffchen nicht ganz so abstrakt bleibt in euren Vorstellen; hier ein paar Bilder…
Bunkern der Vorräte am Lieferantensteg des Supermarktes in Roatan…
Richard bei quasi Flaute in der sonst sehr lebhaften Hängematte…
Am Anfang waren sie noch klein die Wellen, doch das sollte sich bald ändern…
In meiner Backbordkoje (rechts oben) finde ich also nur schwer Schlaf…
Unser Salon, wie es bei Katamaranen heißt, mit Bar = Kombüse…
Kartentisch und Navigationszentrale…
Wir steuern insgesamt drei Tage und vier Nächte quer durch die karibische See, werden gebeutelt und geduscht, gesonnt und verblasen. Irgendwie sind die Fische nicht an unserem Köder interessiert und auch die Delphine und Wale, die es hier zahlreich geben soll, halten sich von unserem Boot fern. Seekarte, Winkel messen, Kurs einstellen und halten – das ist es im großen und ganzen. Wenn es nach mir gegangen wäre, so hätten einige Inselgruppen auf dem Weg unsere Aufmerksamkeit verdient, jedoch ist es dem Skipper wichtig Meilen zu machen, um möglichst bald nach Kalifornien zu gelangen. Ich freue mich über mein erstes Segelerlebnis in der Karibik und lerne für das nächste mal Anheuern wichtiges dazu…
Auf den dritten Tag folgt die vierte Nacht; Ich sitze am Steuer, mittlerweile konnte ich schon in der Koje schlafen, Ich sitze also am Steuer, als am Horizont ein Lichtschein auszumachen ist. Land in Sicht, und zwar Panama, genau genommen die karibikseite des Kanals, an der die Stadt Colon liegt. Wir freuen uns sehr das Ziel in Sichtweite vor unserm Bug zu sehen. Immer konkreter werden die Seezeichen, rote, grüne und weiße Lichter, blinkend oder dauerhaft leuchtend; auf dem Radar spielt es sich ab wie in einem Ameisenhaufen – wir steuern schließlich nicht irgendein Ziel an, sondern DIE Verkehrsader schlechthin, den neuralgischen Punkt, an dem die karibische See mit dem Pazifik verbrüdert wird. Und es wimmelt hier nur so vor Tankern, Frachtern, Kreuzfahrtschiffen, die alle durch den Kanal wollen bzw. gerade aus diesem kommen. Es ist also höchste Vorsicht geboten, alle drei Minuten wird die Position gecheckt, die Lichter werden ständig gedeutet und die Einfahrt in die Marina gesucht. Schließlich ist es geschafft, wir vertauen das Schiff in der Shelter bay marina, ein paar Meilen von der Kanaleinfahrt entfernt und freuen uns auf gutes Essen, bemerken mit Entsetzen, dass der Kocher den Geist aufgegeben hat, und dürfen netterweise in der Restaurantküche der Marina kochen – frische Shrimps mit Spagetti, mhhh… danach fallen wir müde in unsere Betten und schlafen bis in den nächsten Vormittag.
So siehts aus rund um die Einfahrt des berühmten Panamakanals…
Tanker mit Rettungsbooten am Heck, die im Notfall die Besatzung mit 80 km/h ins Wasser befördert…
Vom “Seafighter”, einem Experiment der US Navi, halten wir Abstand; sieht aus wie aus einem James Bond Film…
Sieht aus der Ferne niedlich aus, kommt man näher, so ragen die Container auf dem Frachter wie Hochhäuser in den Himmel…
Panama Sunset, oft habe ich feuchte Augen; an diesem gewaltigen Ort der Weltgeschichte, an dem die Energie so unheimlich konzentriert scheint, und dicker Dieselgeruch in der Luft hängt…
Ich bin also auf dem besten Weg ein Seemann zu werden, habe noch viel zu lernen und freue mich riesig darauf. Wie es dazu kam, dass ich auf einfem französischen Luxuskatamaran den Kanal durchquerte, und warum ich im Moment auf der “Rag Tag Circus”, Tads Boot, sitze; das, meine Freunde, erzähle ich euch das nächste mal…

Mach`s nicht so spannend… es ist sowieso aufregend genug! Andererseits bleibt mir Zeit, MEINE feuchten Augen trocknen zu lassen…Ahoi!
Ossi
Lieber Bruder!
Ich sehe mich schon mit den Kindern zu dir fliegen falls du es dir doch anders mit dem heimfliegen überlegst
Pauli und Julian waren heute in der Badewanne wohl eindeutig deine Neffen – sie haben den Haifisch besiegt und in den Käfig gesperrt – klar, dass bei diesem Monöver das Badezimmer zum Ozean wurde.
Wir denken ganz oft an dich und auf dem Fensterbrett bei Julians Essplatz häufen sich schon die Geschenke an dich. Er vermisst dich ganz fest und wenn er das sagt, dann bekommt er ganz feuchte Augen.
Umarme dich, Bussi Johanna
Ja, sehr schoen, mein Freund. Ich bekomme auch feuchte Augen – nicht nur, weil ich mich mit dir freue, sondern vor allem deshalb, weil ich heute mein geliebtes Guatemala verlassen habe und heim nach Österreich muss um mir wieder einmal anzuschauen, wie das Leben dort so abrennt. Hab jetzt schon Heimweh nach Guatemala, dem Land des ewigen frühlings und der freundlichen Menschen. Machs gut, mein Seemannsfreund, dein Joerg